Zeit zum Denken mit Peter Lustig

Karibuni Karatu
Ein paar Tage noch bis Jan und ich unsere vier Monate voll machen. Deswegen ging es im März zu einer pädagogischen Denkpause nach Karatu. ARTEFACT, eine Partnerorga des SCI, veranstaltete ein Zwischenseminar im Norden von Tansania und da wir, als einzige Freiwillige vom SCI in Tansania diesbezüglich noch heimatlos waren, machten wir uns auf einen langen Weg nach Arusha.
Zwei Stunden warten auf den Bus, zwölf Stunden Busfahrt, eine Übernachtung in Arusha und zwei Stunden Fahrt durch die wunderschöne Massaisteppe brauchte es um in den kleinen Ort Karatu zu gelangen.Von hier kann man gut eine Safari in den Ngorogoro Krater unternehmen für schlappe 120 Dollar für 24 Stunden. Soll grandios sein, aber ich konnte mich diesmal nicht dazu durchringen im Tourikarussel mitzufahren.

Land der Massai
Die Fahrt zum Seminar war schon spannend genug…ich hab mich nett mit zwei Massai unterhalten, die, wenn sie nicht gerade auf ihre 1000 köpfige Rinderherde im Nirgendwo aufpassen und sich vornehmlich von Rinderblut ernähren, auch ganz gern mal ein, zwei, drei….Pepsi im Bus genießen. Ein anderer Sitznachbarn hat mich sofort nach 2000 Schillinge gefragt, denn schließlich ist meine Haut doch weiß und das ist ein Zeichen für Reichtum. Logische Schlussfolgerung, so musste ich ihm schon erklären, dass ich gerade gar nicht wirklich bezahlt werde für meine Arbeit. Geld hat er nicht bekommen, aber dafür die Übersetzung der TAZ auf Englisch und damit einen aktuellen Einblick in das politische Chaos Deutschlands.
Das Zwischenseminar glich einer Endlosdiskussion über Entwicklungszusammenarbeit, -hilfe, Nachhaltigkeit, politisches Geschehen in Deutschland und wurde immer wieder von Werner alias Peter Lustig durch interessante Beiträge über das Kompostklo, die Biogasanlage und die Solardusche bereichert.

Werner unser Solarexperte (Seminarleiter Artefact)
Interessant waren vor allem die Beiträge zum Schulsystem. Alle Wege pädagogischer Disziplinierung über das Token System, Schüler-Lehrer-Verträge, Portfolio zur Kommunikation über Leistung und Wecken von Lernmotivation etc. werden im tansanischen Schulsystem zum allergrößten Teil durch Präsenz des Stocks gelöst. Man muss sich natürlich fragen, was eine Gesellschaft für Menschen als Endprodukt einer langen Schullaufbahn haben möchte. Mündigkeit, Kreativität oder absolute Folgsamkeit? Jan (toller Beitrag) hat uns diesbezüglich einen Einblick in seine Arbeit in einer Secondaryschool in den Usambarabergen gegeben. Hier wird strikt durch gelernt bis Ultimo und auch von 19:00 bis 22:00 ist immer noch Anwesendheitspflicht im Klassenraum. Der Besitz von Kondomen hat den Schulrauswurf zur Folge, denn das kann ja praktisch mit deren Gebrauch gleichgesetzt werden und ist damit ein Verstoß gegen das Schulgesetz. Abgesehen davon wird die Verantwortungsübernahme für die eigene Sexualität sowie die Aidsprävention scheinbar total verkannt. Seit solch interessanten Erzählungen fang ich an die tansanische Zeitung etwas kritischer zu lesen. Wenn es wieder heisst die Rate der Schulschwangerschaften ist gestiegen und die Schulen sollen in die Verantwortung gezogen werden, Kinder davor zu bewahren, kann ich mir schulische Lösungsansätze bildlich vorstellen. Lernen, lernen, lernen….und das notfalls mit dem Stock, um Kinder rund um die Uhr zu beschäftigen und auf Leistung zu trimmen. Diese schulische Realtität des tansanischen Systems hat sich leider auch in meinen eigenen Augen oft bestätigt, wobei es bestimmt auch ein paar Ausnahmen geben wird. Neben solch aufschlussreichen Erkenntnissen hab ich aber auch noch das Pfeiffen mit zwei Fingern gelernt!

Pädagogische Weiterbildung
Ich hab es meine ganze Kindheit lang geübt und nie geschnallt, aber jetzt…..und werde in zukünftigen deutschen Klassenräumen für Disziplin und Ordnung sorgen.
Das Seminar haben wir dann erfolgreich mit einem Besuch einer ehemals deutschen Kaffeeplantage beendet, leider war gerade Erntezeit passe und außer Bohnen wurde hier nichts verarbeitet.

Maharage = Bohnen
Ein schönes Seminar mit schon fast prominenter Leitung. Danke Werner für die gute Zeit und danke auch dem Rest für die tollen Diskussionen und schönen Abende.
Andere Länder, andere Gesetze…so ist das und die sollte man wirklich kennen oder eben keinen Scheiß machen. So kam mir neulich zu Ohren, dass zwei Freiwillige sich angeblich unwissend auf Drogenschmuggelgeschäfte eingelassen haben. Sie hätten mehrere Pakete mit unbekannten Inhalt für Geld über die Grenze gebracht, was aber vertraglich abgesichert war:-). Jetzt sitzen die besagten in irgendeinem afrikanischen Gefängnis und warten auf ihre Verhandlung, wunderbar. Und so kann das dann wahrscheinlich aussehen (Nachgestellt von Jo und Christian).

Das Leben ist kein Ponyhof
Meine Schwester aus der Baubranche hat mich neulich angeschrieben und gefragt, was denn die afrikanische Architektur so hergibt. Da hab ich erstmal gestützt und mich gefragt, ob es interessante Architektur überhaupt gibt. Bisher sind mir eine Menge Lehmhütten oder Kolonialgebäude begegnet. Es gibt bestimmt Sehenwertes, aber Tansania ist vielleicht nicht das richtige afrikanische Land und ich bin mir sicher es wird einen Nachtrag aus Kampalla / Uganda geben, wo ich mich im deutschen Sommer mit Wiebke treffe. Aber hier schon mal ein Vorgeschmack aus Karatu….
In Tansania wohnt man so….

Regierungsgebäude
oder eben so…

Eigenheim...die Zulage vom Staat war nich ganz so üppig
Nach gut einer Woche sind Jan und ich wieder nach hause gefahren…eigentlich wollten wir auch keinen Tag länger bleiben, um die spannende Arbeit von Thomas, Martina, Elisabeth und Maggie (Ärzte aus Deutschland) im Kinderdorfnicht zu verpassen.
Bisher wurden alle Kinder interviewt (Screening) und darauf folgend finden zur Zeit Therapien zur Traumataverarbeitung, als auch abendliche Workshops für das gesamte Team statt. Es geht um Aidsprävention, Bindungstheorien, Fallbesprechung, Parenting…alles super für mich und vieles ist mir nur zu gut aus dem Studium bekannt. Nächste Woche verlassen uns die Ärzte, Ingo fährt bald für ein halbes Jahr gen Deutschland….damit kommen auf mich und Jan große Aufgaben zu. Es wird viele strukturelle Änderungen im Kinderdorf geben. Wir brauchen andere Formen der Disziplinierung z.B. über ein Tokensystem, so dass sich Kinder für gute Arbeit und gutes Benehmen Extraaufmerksamkeiten oder Belohnungbekommen. Außerdem müssen wir den kleinen bessere Bindungsmöglichkeiten an eine Mama ermöglichen, um eine förderliche Entwicklung zu verstärken. Das muss aber alles noch umgesetzt und von uns beiden pädagogisch begleitet werden.Ich lerne gerade gefühlt mehr als im Studium und die Ärzte lassen uns an ihrer Arbeit teilnehmen. Großartig!
Neben pädagogisch–therapeutischer Unterstützung haben uns Thomas, Martina, Maggi und Elisabeth auch noch reich beschenkt mit einer Slakeline, die bisher auf der Beliebtheitsskala an Kinderspielen neben Simba ganz oben steht.

Erlebnissport im Kinderdorf
Trotz der Aufregung im Kinderdorf gehe ich noch jeden morgen fleißig meine halbe Stunde ins Dorf und starte meinen verschulten Kindergarten. Jetzt haben wir Dank Unterstützung aus München fertige Bänke und Tische, wo das Stillsitzen schon mit vier Jahren zur Perfektion geübt werden kann.

Schule oder Kindergarten?
Ich habe jetzt die Gruppe der ganz Kleinen übernommen und mach meinen Unterricht draußen. Die Kleinen können sich noch nicht lange konzentrieren und ich versuche einfach viel mit Spiele mit Bewegung, ganz praktisches Lernen und nur wenig Stoff zu vermitteln. Damit näher ich mich wohl eher der deutschen Idee von Kindergarten an. Letzte Woche bin ich richtig wütend geworden, als ein Kind bitterlich geweint hat, weil es mit sechs noch nicht schreiben konnte. Unsere dritte Kollegin hat das anscheinend weniger gestört…
So fokussiert man Lernschwierigkeiten, herzlichen Glückwunsch!
Na gut ich will mich nicht aufregen, immerhin haben wir was zum Sitzen und das System zu ändern, ist glaub ich doch ein bisschen hoch gegriffen. Gerade lief der Ostsandmann in meinem Handy, dass sollte ein Zeichen sein, sich für diesen Monat von euch zu verabschieden und ne Runde Kinder knuddeln gehen…
Leave a Reply